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VOM WERK ZUM PLAN: WARUM EIN KÜCHENGESCHÄFT IN FRANKFURT UMBENANNT WIRD
f.a.t. 09.05.2014 titelseite rhein-main-zeitung
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mak. FRANKFURT. Kinder spielen so etwas: Teekesselchen. Man muss ein Wort raten, das zwei Bedeutungen hat. Schloss zum Beispiel. Oder Bank. Eigentlich aber auch: Werk. Die Fabrik zum einen. Das schöpferische OEuvre eines Künstlers zum anderen. Im Frankfurter Landgericht aber mag man nicht Teekesselchen spielen. Die 6. Zivilkammer denkt bei Werk bloß an die Fabrikation. Eine Sichtweise mit Folgen: Der Eigentümer eines etablierten Fachgeschäfts in Frankfurt, des Küchenwerks an der Großen Gallusstraße, muss nach einem Rechtsstreit einen neuen Namen finden.

Denn ein Konkurrent, der neben dem Küchengeschäft tatsächlich auch eine Schreinerei betreibt, hat die Namensänderung vor dem Gericht erkämpft. Das Küchenwerk heiße zwar so, fertige die Möbel aber doch gar nicht selbst, argumentiert er. Das stimmt schon, sagt Eigentümer Ralf Kröh. Aber richtig sei der Begriff dennoch. Denn eine Einbauküche sei doch selbst bei vorproduzierten Teilen immer auch eine schöpferische Leistung. Ein Werk eben.

Kröh zählt auf, worum es geht: die Auswahl des Designs. Die Bestimmung der Farbe. Die Wandgestaltung links und rechts. Denn im Küchenwerk gibt es kein billiges Zeug. Die Geräte sind von Miele, und die Möbel sind nicht weniger hochwertig, sie stammen von einem Familienbetrieb aus Ostwestfalen. Der Satz im Beschluss des Landgerichts, er verkaufe Möbel "von der Stange", schmerzt.

Aber es hilft alles nichts. Die Anrufung der zweiten Instanz ist teuer, und Kröhs Rechtsschutzversicherung übernimmt die Kosten nicht. Also fügt er sich in sein Schicksal und benennt das Küchenwerk um. Lange hat Kröh gegrübelt. Nun ist es entschieden: Aus dem Küchenwerk wird Küchenplan. Das Schild hat er vor einigen Tagen ausgewechselt. Jetzt sind die Visitenkarten dran. Im Juni folgt die Homepage.

Seinen Frieden hat Kröh mit der Umbenennung aber noch lange nicht gemacht. "Wenn man sich nur umsieht, was heute alles Werk heißt", grübelt er. "Es wurmt einen schon." Immerhin hatte sich 14 Jahre lang niemand über den Namen aufgeregt. Damals betrieb Kröh sein Geschäft noch an der Goethestraße, dort, wo in dieser Woche in einem Neubau Louis Vuitton eröffnet hat. Dem Viertel ist er treu geblieben, weil dort seine Kundschaft arbeitet: Banker und Anwälte. Einerseits profitiert Kröh vom Wohnungsboom in Frankfurt, andererseits können es auch Gutbetuchte nicht lassen, sich zuerst von ihm beraten zu lassen und dann im Internet zu ordern.

Mit diesen Sorgen ist er nicht allein. Mit einer anderen schon: dass niemand gegen den neuen Namen klagt. Vielleicht meint ja irgendwer, Küchen würden gar nicht wirklich geplant. Also jedenfalls nicht so wie eine Straße oder eine neue Landebahn. Und vielleicht finden sich ja auch Richter, die das genauso sehen. Es gibt ja auch welche, die meinen, eine neue Küche sei kein Werk.

Manfred Köhler

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